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Flossen für den Rolli – Tauchen für Körperbehinderte.
Alfred ist 50 und ein echter Sunnyboy! Er sieht gut aus, lacht viel und ansteckend und die meisten
Damen finden er sei ein „echtes Sahneschnittchen“. In Österreich betreibt er, mit Erfolg, eine kleine Werbeagentur mit einem halben Dutzend Angestellter. Alles
in Allem nichts ungewöhnliches! Nur, Alfred sitzt, nach einem Unfall mit seinem Motorrad, seit 16 Jahren im Rollstuhl - Querschnittslähmung von der Hüfte abwärts. Kein
Grund, findet Alfred, zu resignieren und auf sportliche Aktivitäten zu verzichten!
Schon vor seinem Unfall war Alfred ein begeisterter Taucher und, nicht zuletzt auch aufgrund des Zuredens seiner Freunde, wollte er seinen Sport auch im Rollstuhl
weiterhin betreiben. Was also lag näher, als sich – einfach zur eigenen Sicherheit – nach Möglichkeiten umzusehen, eine Ausbildung speziell für
Körperbehinderte zu absolvieren? Und, warum dann nicht Angenehmes mit Angenehmem verbinden? Ein wenig Recherche bei den Tauchreiseveranstaltern und schon hatte
Alfred einige Reisesziele gefunden, an denen Basen Tauchausbildung für Körperbehinderte anbieten. Kurz entschlossen wurde eine Reise nach Sharm el Sheikh, zu den
Camel Divers gebucht.
Da die Behinderung bereits bei der Buchung angegeben wurde, gestaltet sich die Anreise weit problemloser als befürchtet. Am Abflughafen
München stand bereits ein Rollstuhl für Alfred bereit. Sein eigner Rolli wurde – kostenlos – als Sondergepäck aufgegeben. In Sharm angekommen passte
allerdings dann der für den Weg aus dem Flugzeug verfügbare Rollstuhl erstaunlicherweise nicht zwischen die Sitzreihen in der Kabine. Aber, Ägypter sind Pragmatiker
und so wurde dieses Problem ohne großen Aufwand gelöst: Ein kräftiger Helfer griff Alfred unter die Arme, einer weiterer nahm die Beine und kurz darauf saß er wieder
in seinem eigenen Gefährt. Ein LKW mit Hubplattform holte ihn an der Flugzeugtür ab, eine kurze Fahrt über das Rollfeld und ohne viel Federlesens konnten die
Einreiseformalitäten in Angriff genommen werden. Dabei erfuhr er tatkräftige Unterstützung durch den Vertreter von Orca Tauchreisen, der sich um die Gebührenmarke für
das Visum ebenso kümmerte wie um das Gepäck und die Verladung desselben in den Shuttle-Bus. Auch das Einsteigen in den Bus wurde nach der bereits erprobten „Hebt
an!“ Methode erledigt. Schwitzend unter den ungewohnten Temperaturen im Süd-Sinai, aber freudig erregt genoss Alfred dann den kurzen Transfer vom Flughafen
zum Hotel.
Das Camel Dive Club und Hotel verfügt über eine Reihe Zimmer, die speziell für die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern umgebaut wurden. Große Türen, ein
großes Bad mit Haltegriffen an Toilette und in der Dusche, Rampen an den Türen usw. In der Duschkabine befindet sich ein stabiler Hocker, der dem
Körperbehinderten erlaubt, problemlos zu duschen. Das Zimmer selbst bietet genügend Platz um auch rund um das Doppelbett mit dem Rollstuhl zu navigieren und bequem
alles unverzichtbare Mobiliar wie Minibar, Satellitenfernseher und Kleiderschrank zu erreichen. Das ganze Haus nimmt in beispielhafter Weise auf die Belange von
Rollstuhlfahrern Rücksicht. Praktisch alle Räume und Bereiche sind mit dem Rolli zu erreichen. Ob die Restaurants oder der Swimming Pool, überall sind Zufahrtsrampen
angebracht. Die Räume in den oberen Stockwerken wie z.B. die Bar oder das Internet Cafe, sind durch einen Fahrstuhl zugänglich. Eine Ausstattung die bei Weitem
noch nicht selbstverständlich ist und daher um so mehr als positiv herausgestellt werden muss!
Der erste Tag
Gleich am Tag der Ankunft meldet sich
Alfred am Counter der Basis. Klar, dass er schnellstens ins Wasser will! Aber, vor den Tauchgang haben die Entwickler der Ausbildungsprogramme die Theorie platziert!
Und so füllt Alfred erst einmal einen Fragebogen zu seiner Gesundheit, seinem Handicap und dem obligatorischen Haftungsausschluss aus. Ausbildungsprogramme für
Körperbehinderte und spezielle Tauchlehrerprogramme gibt es inzwischen bei fast allen relevanten Tauchorganisationen. Camel bildet nach Richtlinien des BSAC, des
British Sub Aqua Club, aus. Am nächsten Tag soll die Ausbildung dann beginnen. Und so klemmt sich Silke, Alfreds Tauchlehrerin, am Morgen einen großen Stapel
Handbücher unter den Arm und setzt sich mit Alfred im Schatten eines Sonnenschirms an den Pool. Tauchtheorie ist der Lehrstoff, und auch spezielle Belange eines
Körperbehinderten unter Wasser. Die Querschnittslähmung macht es unmöglich, Vortrieb und Balance unter Wasser mit Flossen zu bewerkstelligen. Dies kann ausschließlich
mit den Händen, einem Scooter oder der Hilfe durch den begleitenden Tauchguide erreicht werden. Der gelähmte Taucher schwimmt also, mit kräftigem Armzug im
Brustschwimmstil durch die Unterwasserwelt. Durch die erhöhte Belastung der Arm- und Brustmuskulatur bei Querschnittsgelähmten sind diese Muskeln bei Alfred besonders
kräftig ausgebildet und die Art der Fortbewegung sollte ihm keine Schwierigkeiten bereiten. Dennoch muss dies im Trockenkurs geübt werden. Auch das Anziehen des
Tauchanzugs, das Anlegen der Tarierweste und all die Handhabungen eines Tauchers vor dem Tauchgang sind für einen Rollstuhlfahrer um einiges komplizierter als für den
„Normaltaucher“ und bedürfen der Erklärung und dem Training an Land. So vergehen die ersten beiden Tage für Alfred am Pool mit trockener Theorie und Übungen
im Rollstuhl. Dann aber geht es ins Wasser! „Nur“ in den Pool zwar, aber immerhin, Alfred wird nass. Silke übt nun mit Alfred all das im Trockenkurs
besprochene: Schwimmen im Bruststil, Tarieren, Ausblasen der Maske, Druckausgleich durch den Tauchguide und anderes mehr. Unser Schüler ist mit Begeisterung dabei,
wobei er natürlich gegenüber einem kompletten Anfänger im Vorteil ist, hat er doch schon Taucherfahrung. Das strahlende Lachen in Alfreds Gesicht zeigt, dass er
offensichtlich einen Heidenspaß hat!
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